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Risiko Pulpitis: Aufklärungspflicht beim Einsetzen von Veneers

Das Risiko einer Pulpitis nach dem Einbringen eines Veneers kann aufklärungspflichtig sein. Dies gilt insbesondere, wenn der Behandlung vor allen Dingen aus kosmetischen Gründen durchgeführt wird, ohne dass eine eilbedürftige medizinische Notwendigkeit gegeben wäre.

Das Urteil


Bei Eingriffen mit kosmetischem Charakter sind die Anforderungen an die Risikoaufklärung nach ständiger Rechtsprechung grundsätzlich erhöht. Dabei kommt es weniger darauf an, ob ein Risiko eher seltener ist, sondern wie einschneidend die Risikoverwirklichung für den jeweiligen Patienten sein könnte. Das Oberlandesgericht Hamm (Urteil vom 30.05.2011, Az. 3 U 205/10) führt dazu aus:

„Indessen haftet der Beklagte vertraglich gemäß §§ 280 Abs. 1 Satz 1, 241 Abs. 2 BGB sowie deliktisch gemäß § 823 Abs. 1 BGB für sämtliche Folgen seiner zahnärztlichen Behandlung im Zusammenhang mit dem Einsetzen der Veneers, weil er die Klägerin nicht hinreichend über die Risiken, die mit einer solchen Behandlung verbunden sind, aufgeklärt hat. Insbesondere hat der Beklagte die Klägerin nicht über das Risiko einer Pulpitis, d.h. einer Zahnmarkentzündung, in deren Folge auch eine Abszedierung auftreten kann, aufgeklärt. Über ein solches Risiko hätte der Beklagte allerdings nach den Kriterien, die der Bundesgerichtshof für die Risikoaufklärung entwickelt hat, aufklären müssen. Insoweit ist nämlich auch über seltene Risiken aufzuklären, wo sie, wenn sie sich verwirklichen, die Lebensführung schwer belasten und trotz ihrer Seltenheit für den Eingriff spezifisch, für den Laien überraschend sind […]. Nach diesen Maßstäben entfällt eine Aufklärungsverpflichtung des behandelnden Arztes oder Zahnarztes also nicht deshalb, weil, wie der Sachverständige Dr. I ausgeführt hat, eine Aufklärung deshalb in der zahnärztlichen Praxis nicht üblich ist, weil es sich um ein seltenes Risiko handelt. Der Sachverständige hat auf ausdrückliche Nachfrage des Senats erklärt, dass mit jeder Beschleifung von Zähnen das typische und spezifische Risiko einer Pulpitis verbunden sei. Wenn man, wie hier, im Grenzbereich zwischen Schmelz- und Dentin bleibe, dann sei das Risiko der Pulpitis eher selten. Es sei aber typisch und spezifisch für das Beschleifen. Somit handelte es sich bei diesem Risiko auch um keine absolute Rarität, so dass es für die Entscheidung der Klägerin zur Durchführung der Behandlung ohne jede Bedeutung gewesen wäre. Dies gilt insbesondere deshalb, weil das Einsetzen der Veneers im Wesentlichen auch aus kosmetischen Gründen erfolgte; aus medizinischen Gründen bestand nur eine relative und keineswegs irgendwie eilbedürftige Indikation für die Behandlung. Schon und gerade wegen des erheblichen kosmetischen Charakters der Behandlung sind nach der einschlägigen Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs erhöhte Anforderungen an die Risikoaufklärung zu stellen.“

Das  Gericht befand einen Schmerzensgeld in Höhe von 8.000,00 € für angemessen und führte in seinen Entscheidungsgründen hierzu aus:

„Aufgrund der genannten, mit der bei der Klägerin entstandenen Pulpitis einhergehenden Beschwerden und Beeinträchtigungen ist der Beklagte zur Zahlung eines angemessenen Schmerzensgeldes verpflichtet. Bei der Bemessung des Schmerzensgeldes ist zu berücksichtigen, dass es zweimal zu schmerzhaften Abszessbildungen und den damit zusammenhängenden erforderlichen zahnärztlichen Behandlungen bei Dr. Dr. M gekommen ist. Bei der Schmerzensgeldbemessung fällt insbesondere ins Gewicht, dass die Klägerin aufgrund der chronischen Pulpitis unter einer dauerhaften thermischen Empfindlichkeit der behandelten Frontzähne leidet und dass bei ihr im Bereich dieser behandelten Zähne regelmäßig Rötungen und Schwellungen, beispielsweise bei der Nahrungsaufnahme, eintreten, so dass die Klägerin gehalten ist, sich ihre Nahrung
kleinzuschneiden, um möglichst eine Kontaktaufnahme der Nahrung mit den Frontzähnen zu vermeiden. Schließlich ist auch zu berücksichtigen, dass die Klägerin mit der Sorge leben muss, dass nach den Ausführungen des Sachverständigen die behandelten Frontzähne möglicherweise dauerhaft aufgrund der Pulpitis nicht zu erhalten sind. Dagegen war für die Schmerzensgeldbemessung nicht zu berücksichtigen, dass es tatsächlich zu dem genannten Verlust der Frontzäh-
ne kommen kann. Ein solcher zwar möglicher, aber derzeit nicht absehbarer Verlust der Frontzähne ist dem Feststellungsausspruch vorbehalten. Für diese genannten Beeinträchtigungen hält der Senat ein Schmerzensgeld in Höhe von 8.000,00 Euro für angemessen, aber auch ausreichend, um der Klägerin einen Ausgleich für die aufgrund der mangels hinreichender Aufklärung rechtswidrigen Behandlung der Frontzähne eingetretenen Beschwerden und Beeinträchtigungen zu verschaffen.“


Kommentar


Diese Entscheidung verdeutlicht zwei seit Jahren durch die Rechtsprechung gefestigte Grundsätze zur Aufklärung. Sowohl der kosmetische Charakter eines Eingriffs als auch die womöglich starken Auswirkungen der Risikoverwirklichung auf das Leben des Patienten erhöhen die Anforderungen an die Risikoaufklärung.

Handlungsempfehlung


Es ist ratsam, ein Gefühl für die jeweiligen Patienten und ihre Bedürfnisse zu entwickeln, um sie bestmöglich beraten zu können. Bei Zweifeln sollte im Einzelfall eher mehr aufgeklärt werden und die Aufklärung dann gründlich dokumentiert werden.


Rechtsanwältin Dr. Susanna Zentai