Abrechnung Zahnmedizin
Kontakt
0049 (0) 7433 / 952-208
Stefan Lorch, Produktberater
0049 (0) 7433 / 952-777
Standardgebühren ins dt. Festnetz
beratung@abrechnung-zahnmedizin.de
Ihre E-Mail wird umgehend beantwortet
Callback-Service
Wir rufen Sie gerne zurück!
WhatsApp
 
Suche in: Urteile
  • Alle Rubriken
  • GOZ
  • Bema
  • Festzuschüsse
  • GOÄ
  • Soko
  • Gesetze
  • LNZ
  • Tipps
  • Urteile

Haftung bei Zahnverlust nach Entfernung von Provisorien durch ZMF?

Hat eine Patientin Anspruch auf Schadenersatz und Schmerzensgeld, wenn sie einen Zahnverlust nach der Entfernung von Provisorien durch eine zahnmedizinische Fachangestellte erlitten hat? Damit hat sich das Landesgericht und das Oberlandesgericht in Köln in zwei Instanzen befasst.

Das Urteil


Die Patientin hatte sich in der Praxis mit insuffizientem Zahnersatz unter anderem im Bereich der Zähne 12 und 22 vorgestellt. Nach begonnener Behandlung wurden die zunächst provisorisch eingegliederten Kronen zu Anpassungszwecken wieder entfernt. Diese Tätigkeit wurde an eine Zahnarzthelferin delegiert. Bei der Entfernung wurde der benachbarte Zahn 13 derart beschädigt, dass er abbrach.  

Das Landgericht Köln beauftragte einen Sachverständigen mit der Fragestellung, ob ein Behandlungsfehler vorgelegen habe, ob die Delegation an die Mitarbeiterin zulässig gewesen sei und ob ein Aufklärungsfehler gegeben ist.

Behandlungsfehler


Unter Hinweis auf die starken Vorschäden an dem Zahn13 verneinte der Sachverständige ausdrücklich das Vorliegen eines Behandlungsfehlers.

In den Entscheidungsgründen zu dem Urteil des Landgerichts Köln vom 27.01.2015 (Az. 3 O 308/12) wird ausgeführt:

„Nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme ist insbesondere der Bruch des Zahnes 13 als schicksalhaft anzusehen und nicht den Beklagten anzulasten. Der der Kammer als überaus erfahren bekannte Sachverständige Dr. T führt in seinem schriftlichen Gutachten hierzu aus, dass auf den ihm vorliegenden Röntgenbildern sowohl vor als auch nach der Fakturierung eine starke Vorschädigung des Zahnes 13 erkennbar war. So war der Zahn vor der Überkronung anderenorts wurzelbehandelt worden und zudem noch durch Karies geschwächt. Im Zuge der jahrelangen Nutzung der alten Prothese ist mit großer Wahrscheinlichkeit eine weitere Überlastung und intrakoronale Rissbildung an diesem Zahn eingetreten. Diesen Befund bestätigte der Sachverständige in seiner mündlichen Anhörung vom [...]. Unter Augenscheinname der maßgeblichen Röntgenaufnahmen erläuterte der Sachverständige eine "wolkige Zerfaserung" des Zahnes, die auf kariöse Veränderungen schließen lässt. Der Sachverständige schlussfolgert hieraus nachvollziehbar, dass mit extrem hoher Wahrscheinlichkeit dieser Zahn, wenn nicht an diesem Behandlungstag, so doch jedenfalls zeitnah bei anderer Gelegenheit frakturiert wäre.“

Diese Auffassung des Landgerichts Köln wird vom Oberlandesgericht Köln mit Beschluss vom 07.08.2015 (Az. 5 U 34/15) bestätigt:

„Die Beschädigung des Zahns 13 bei gleichzeitigem Verbleib der Krone auf Zahn 12 kann nach den Erläuterungen der mit dem Fall befassten Sachverständigen auf einer leichten, nicht fehlerhaften Berührung des durch eine Wurzelbehandlung und Karies vorgeschädigten Zahns 13 beruhen. Die Karies an Zahn 13 ist in den Behandlungsunterlagen des Beklagten als klinischer Befund dokumentiert.“


Delegation


Zur Delegation wird im Leitsatz zu der Entscheidung des Landgerichts zusammengefasst:

„Das Entfernen von Provisorien durch eine zahnmedizinische Fachangestellte unter ärztlicher Supervision, d.h. der Anwesenheit eines Zahnarztes in der Praxis, stellt ein statthaftes Delegieren von Aufgaben dar.“

In den Entscheidungsgründen des Landgerichts wird dies näher erläutert:

„Der Sachverständige kann darüber hinaus auch kein behandlungsfehlerhaftes Versäumnis darin erkennen, dass die Krone vor der Frakturierung des Satzes 13 durch eine Zahnarzthelferin entfernt worden ist. So führt der Sachverständige in seinem schriftlichen Gutachten zunächst aus, dass das Entfernen von Provisorien durch eine zahnmedizinische Fachangestellte unter ärztlicher Supervision ein statthaftes Delegieren von Aufgaben darstelle. Dabei beschränke sich die Supervision darauf, dass ein Zahnarzt in der Praxis anwesend ist - was hier unstreitig der Fall war. In seiner mündlichen Anhörung ergänzt der Sachverständige die diesbezüglichen Ausführungen dahingehend, dass das Entfernen von Provisorien durch zahnmedizinische Fachangestellte bereits in deren Ausbildungsbeschreibung enthalten ist. Bereits die Auszubildenden sollen dies daher schon unter Aufsicht vornehmen. Für eine ausgelernte Fachkraft stellt es darüber hinaus eine ohne weiteres selbstständig durchzuführende Tätigkeit dar.“

Aufklärung


OLG Köln: „Der Senat hält an seiner Beurteilung fest, dass der Umstand, dass es beim Lösen von definitiv oder provisorisch eingesetzten Kronen zu einer Komplikation dergestalt kommen kann, dass Nachbarzähne geschädigt werden, grundsätzlich nicht aufklärungspflichtig ist und im Streitfall nicht aufklärungspflichtig war. Dies gilt ungeachtet der im Schriftsatz vom … angeführten Tatsache, dass die Klägerin die Sanierung und Überkronung der Frontzähne im Ober- und Unterkiefer aus ästhetischen Gründen gewünscht habe.“

Auch in diesem Punkt bestätigt das Oberlandesgericht die Entscheidung des Landgerichts.

Kommentar


Diese Entscheidungen sind nachvollziehbar und sachverständig beraten gut begründet. Bei ästhetischen Behandlungen wird regelmäßig ein strengeres Maß an die Aufklärung gestellt. Hier war die Behandlung aber auch medizinisch indiziert, so dass dieser Aspekt in den Hintergrund rücken durfte. Die Delegation war zulässig und die entsprechenden Voraussetzungen wie u.a. die Anwesenheit des Zahnarztes in der Praxis waren gegeben.

Handlungsempfehlung


Bei der Delegation ist es wichtig, die Voraussetzungen einzuhalten. Hier wurde besonders auf die Notwendigkeit hingewiesen, dass der Zahnarzt anwesend war. Ferner zeigen die Entscheidungsgründe wieder einmal mehr die besondere Bedeutung der Dokumentation. Der schlechte Zustand des verloren gegangenen Zahnes war ausdrücklich dokumentiert, was im Ergebnis die Beweislage der Zahnarztpraxis verbessert hat.


Dr. Susanna Zentai